Anliegen von Unterwegs nach Emmaus

 

Gottes Gegenwart lebendiger werden lassen

Wir leben in einer säkularen Welt. Vieles läuft, als ob es Gott nicht gäbe. Und vieles, was früher die Glaubenspraxis von außen absicherte, ist als Stütze weggefallen. Wenn das Umfeld nicht mehr trägt, sind wir persönlich stärker gefordert. Es wird entscheidend, ob die persönliche Verwurzelung in Gott, die bei der Taufe begonnen (initiiert) wurde, in den verschiedenen Lebensphasen so mit Leben gefüllt wird, dass unser Glaube von innen her lebendig wird bzw. bleibt. Die grundlegende Glaubensüberzeugung, dass jede und jeder von Gott „beim Namen gerufen" ist, wird sonst schnell zu einer blassen Theorie, die in den vielfältigen Belastungen und Herausforderungen nicht mehr wirklich trägt.
Wenn Gott und Glaube in Alltag und Öffentlichkeit weniger präsent sind, stehen Pastoral und Verkündigung (mehr als früher) vor der Aufgabe, das innere Gespür und Bewusstsein zu fördern, dass Gott auch heute gegenwärtig und uns wirklich nahe ist. Katechetische Angebote für Erwachsene, die auf die Förderung und Weiterentwicklung einer lebendigen Gottes- bzw. Christusbeziehung hinzielen, gehören deshalb zum pastoralen Grundauftrag jeder Gemeinde bzw. Seelsorge-Einheit.
Der Glaubensweg „Unterwegs nach Emmaus" will dieses Anliegen auf mehrfache Weise unterstützen. Sowohl die Texte und Bilder des Teilnehmerheftes als auch die Anregungen für die Gestaltung der Treffen möchten zur Entwicklung bzw. Reifung einer persönlichen Gottesbeziehung beitragen:
Verschiedene Gestaltungselemente wollen beispielsweise die Sensibilität für die reale Gegenwart Gottes fördern: so z. B. das bewusste Entzünden der Kerze zu Beginn der Treffen wie auch die Großschreibung aller sich auf Gott beziehenden Worte (wie z. B. Seine Liebe).
• Auch das für manche in dieser Form ungewohnte Beten und Singen zu Beginn der Treffen verfolgt ein ähnl. Ziel. Es lädt zu einer bewussten Ausrichtung auf Gott ein und kann im Laufe der Wochen zu einer wertvollen Bereicherung für die persönliche wie für die gemeinsame Spiritualität werden.
• In jeder der sieben Wochen gibt es im Teilnehmerheft die Seite „Beten ist ...". Dort finden sich verschiedene kurze Anregungen und Impulse, die ein persönliches Beten fördern bzw. vertiefen möchten. Letztlich will der gesamte Glaubensweg auch eine kleine „Schule des Betens" sein.
• Neben dem bewussten Entzünden der Kerze werden für die Gestaltung der Treffen auch andere zeichenhafte Handlungen bzw. Feiern (z. B. Segnungen vorgeschlagen. Diese „liturgisch-mystagogischen" Elemente können dazu beitragen, dass die Botschaft des Glaubens nicht nur den Kopf, sondern auch das „Herz", d.h. die existentielle Mitte und Tiefe des Menschen, erreicht.
• Für das Wachsen einer persönlich-existentiellen Gottesbeziehung und Glaubensverwurzelung ist Letzteres sehr wichtig. So wollen die Anregungen zu Besinnung und Gespräch am Ende der wöchentlichen Besinnungstexte einladen, sich mit dem jeweiligen Thema nicht nur intellektuell-sachlich, sondern auch existentiell-persönlich auseinanderzusetzen. - Je mehr sich die Gruppengespräche zu einem persönlichen Austausch über den Glauben entwickeln, gewinnt der Kurs an Tiefe.
Sich der veränderten Glaubenssituation stellen: persönlich und als Gemeinde
In den Besinnungstexten wird auch immer wieder die gegenwärtige kirchliche Umbruchsituation angesprochen. Wir leben als „Christen in der Minderheit": eine veränderte Situation, die als Realität oft erst noch innerlich anzunehmen ist. - Strukturveränderungen allein reichen nicht als Reaktion auf die neue Lage. Ohne eine geistliche Erneuerung wird der Glaube in der Kirche verdunsten und seine Strahlkraft nach außen verlöschen. Deshalb ist eine Stärkung des Gottesbezugs, für das persönliche wie für das gemeinsame Leben als Christ in der Welt von heute, von zentraler Bedeutung. Suchende wie Glaubende brauchen Unterstützung, damit sie ein von Herzen kommendes erwachsenes Ja-Wort zu jener Verwurzelung in Gott vollziehen können, die in der Taufe grundgelegt wird. Der vorliegende Glaubensweg möchte für dieses Anliegen sensibilisieren und versteht sich als Beitrag zu dessen Umsetzung.
Unser Glaubensweg orientiert sich auch deshalb an den Evangelien der Fastenzeit im Lesejahr A, weil diese bewusst zu einem spirituellen Weg christlicher Vergewisserung und Standortbestimmung einladen. Seit frühester Zeit sind diese Evangelien wichtige Etappen bei der Vorbereitung Erwachsener auf die Taufe („Katechumenat"). Solch ein Prozess des (verstärkten) Hineinwachsens in eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus ist auch für viele, die bereits getauft und in christlicher Umgebung aufgewachsen sind, wichtig und bereichernd.
Der theologisch-geistliche Prozess der sieben Evangelien
Wer die sieben Evangelien als einen geistlichen Weg betrachtet, kann sie als immer intensiveres Anklopfen Jesu an die Tür unseres Herzens verstehen. ER möchte, dass wir uns immer umfassender auf Ihn, auf Seine Göttlichkeit, Seine Gegenwart und Seine fürsorgend-wirkmächtige Liebe einlassen.
Am Anfang steht die Erzählung von der Versuchung Jesu in der Wüste. Jesus wird selbst in einen Prozess der Klärung Seiner Beziehung zum Vater geführt - bis hin zur Entscheidung, ganz aus dem Vertrauen zum Vater zu leben. Wenn uns die Liturgie am Anfang der Fastenzeit Sein unzweideutiges Gottes-Bekenntnis vor Augen stellt, fordert sie uns damit zugleich heraus, die Wochen bis zur Feier der Osternacht als Chance zu nutzen. Die biblischen Texte können uns anregen und helfen, unsere eigene Verbundenheit mit Gott sowie unser Vertrauen zu IHM zu beleben, zu läutern und zu vertiefen.
Letztlich geht es um unser Ja zu Gott! Das aber geht über eine rein verstandesmäßige Zustimmung weit hinaus. Wir sind mit unserer ganzen Existenz beteiligt und betroffen. Grundlage für eine wirklich von Herzen kommende Bejahung Gottes kann allein die Selbstkundgabe Gottes sein. Bei der Verklärung Jesu (2. So.) wird deutlich, dass Er mehr ist als ein großer Lehrer und Prophet. Er ist nicht nur Mensch - Er ist Mensch und Gott. In Jesus ist uns Gott selbst in einer nicht mehr zu überbietenden Weise nahe. Seine Zuwendung zu uns macht offenbar, wie sehr wir Gott am Herzen liegen. Das uns in Jesus zugesprochene göttliche Wort fordert damals wie heute zur Stellungnahme und Antwort heraus.
In den folgenden Evangelien wendet sich Jesus den jeweils Beteiligten sehr persönlich zu: Der Frau am Jakobsbrunnen (3. So.) offenbart Er sich als „Messias" (und damit als Retter und Heiland), dem Blinden (4. So.) als das „Licht der Welt" und der Schwester des Lazarus (5. So.) als die „Auferstehung und das Leben". Die von Ihm Angesprochenen bekennen ihren Glauben in zunehmender Intensität. - Sie durchlaufen einen Prozess des Hineinwachsens in ein immer umfassenderes „Sich-Ihm-Anvertrauen".
Wer in Jesus die Nähe Gottes erfahren hat, spürt die Sehnsucht, sich immer mehr auf Ihn einzulassen. Zugleich müssen wir freilich immer wieder erfahren, dass wir aus eigener Kraft zu einem totalen Vertrauen nicht fähig sind. Ebenso wie die Jünger in der Nacht vor Karfreitag, versagen auch wir immer wieder. Gerade wer sich mehr für Gott öffnen will, spürt auch die eigenen Gegenkräfte.
Gott aber bleibt treu und antwortet auf die menschliche Abwehr und Sünde mit einem Noch-Mehr an Zuwendung und Liebe. In voller Erkenntnis der menschlichen Unzulänglichkeit, angesichts von Verleugnung und Verrat, gibt Jesus sich ganz hin. Er stiftet den Neuen Bund, an dem wir in der Taufe Anteil erhalten. Die gesamte Fastenzeit zielt auf die bewusste und vertiefte Bejahung dieses Bundes in der Osternacht. „Unterwegs nach Emmaus" möchte diesen Prozess begleiten und unterstützen.
Das Hineinwachsen in ein Ja zu Gott ist ein lebenslanger Prozess mit Höhen und Tiefen. Die Geschichte der Emmausjünger macht deutlich, dass wir uns immer wieder „auf-machen", d. h. öffnen und auf den Weg machen müssen. Zugleich zeigt sie auch, dass die Erfahrung des neuen, von Gott geschenkten Lebens geradezu danach drängt, weitergesagt und mit anderen geteilt zu werden.
Dies war und ist die Dynamik des Glaubens: Aus der zunächst not-wendigen Stärkung des eigenen Glaubensfundaments erwächst die immer stärker bewusst werdende Herausforderung und Motivation zu missionarischem Christsein und zu missionarischer Seelsorge.
Damit wird auch klarer, dass Angebote zur Vergewisserung und Vertiefung im Glauben nicht nur etwas für besonders Interessierte sind, sondern zum Grundbestand gemeindlicher Pastoral gehören.
Deshalb versucht der vorliegende Glaubensweg, breitere Kreise der (gottesdienstlichen) Gemeinde anzusprechen und mit auf den Weg zu nehmen. Denn nicht nur der Einzelne, auch Gemeinden brauchen regelmäßige „Auszeiten" (wie es die früher üblichen „Volksmissionen" waren), um sich neu auf die eigenen Quellen zu besinnen und an diesen zu erneuern. Wenn wir so der veränderten Glaubenssituation begegnen, werden wir erfahren, dass Gott uns auch in den tiefgreifenden kirchlich-gesellschaftlichen Veränderungen nahe ist und uns persönlich wie als Kirche Seine Gemeinschaft schenken möchte.
Entnommen aus: Begleitunterlagen zu "Unterwegs nach Emmaus", S. 4-5.